Ist Trauer wie Liebeskummer, nur schlimmer?

Wer mit einem trauernden Kollegen zusammenarbeitet oder eine Witwe beim Yoga kennengelernt hat, kommt früher oder später auf die Frage, wie sich Trauer anfühlt. Wenn man das wüsste, könnte man das trauernde Gegenüber vielleicht besser verstehen.
Eigentlich ein kluger Gedanke. Also lassen Sie uns uns auf den Weg machen und die Antwort suchen. Arbeitsthese: Trauer fühlt sich irgendwie ganz schlimm an. So schlimm, dass der gesamte Alltag droht, aus den Fugen zu geraten.

Das Leben verlässt seine bisherige Flughöhe

So ist das. Einige Trauernde haben keinen Alltag mehr. Andere halten den Alltag mühsam aufrecht, aber das wirkt nicht immer gesund. Eher wie krampfhaftes Klammern. Die meisten Trauernden trägt es aus der Kurve. Welches Gefühl steckt dahinter?
Wer Trauer nachfühlen möchte, braucht Geduld. Muss sich auf lange Gedankenketten und ungemütliche eigene Gefühle einlassen. Wird aber am Ende mit einer einigermaßen tragfähigen Gewissheit belohnt.
Sicherheitshalber an dieser Stelle eine Warnung: Fragen Sie bitte nie eine Witwe, ob sich Trauer wie Liebeskummer anfühlt. Sie wird Ihnen möglicherweise die Freundschaft kündigen, so unerträglich naiv und schmerzhaft könnte ihr der Vergleich erscheinen. Trauernde sind in der Regel nicht sonderlich tolerant gegenüber den von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen schlitternden Ahnungslosen.
Trotzdem: Liebeskummer ist keine schlechte Ausgangsbasis, um Trauer zu verstehen, denn Liebeskummer hatten wir alle mal.

Liebeskummer als gedankliche Basis

Das Herz bricht vor Sehnen und Vermissen. An Schlafen und Essen ist oft nicht zu denken. Liebeskummer und Trauer sind nicht nur seelische, sondern auch körperliche Empfindungen. Da hilft kein „Stell Dich nicht so an!“. Schlimmer Liebeskummer entsteht zum Beispiel, wenn uns jemand verlässt, den wir sehr lieben. Der Schuft! So ein Idiot! Das meint er nicht Ernst?! Wir schreiben nachts nach vielen Gläsern Rotwein SMS mit wüsten Beschimpfungen und entschuldigen uns tags drauf mit verweinten Liebesschwüren – aufs Band gesprochen, weil er nicht ans Telefon geht. Eine Freundin sagt: „Ruf ihn nicht an! Es hat keinen Sinn.“ Sie hat zwar recht, doch ihr Hinweis hat keine Wirkung. So geht es Wochen.

Vielleicht hatte Ihr letzter Liebeskummer eine etwas andere Qualität, aber im Prinzip wissen wir alle: So oder so ähnlich ist es. Doch spätestens, wenn der abtrünnige Schatz wieder vor der Tür steht, wird klar: Lieben ist nicht immer leicht, aber Trauer ist eine ganz andere Hausnummer. Der Verstorbene wird nie wieder vor der Tür stehen. Und der Verstorbene hat die Beziehung nicht beendet. Der Tod hat die Beziehung beendet. Während der Ex-Mann sein Leben leidlich normal weiterführt, das Auto zum TÜV bringt und der Mutter zum Geburtstag gratuliert, hat der Verstorbe alles zurückgelassen, was das Leben ausmacht: sein Auto, seine Partnerin, seine Mutter, seine Kontakte, Bedürfnisse, Gefühle und seinen Körper. Während das Ende einer Liebesbeziehung ein willentlicher und bewusster Akt einer oder zweier Personen ist, greift der Tod in eine intakte Beziehung ein, die niemand trennen wollte.
Ein getrenntes Paar kann, wenn Schmerz und Groll verklungen sind, Freunde werden. Viele Getrennte bleiben als Eltern ihrer Kinder weiter verbunden. Oft ein Kraftakt. Liebeskummer skizziert eine düstere schmerzhafte Phase im Leben, ohne Frage. Aber ihr Schmerz basiert darauf, dass eine quicklebendige Person sich für ein Leben ohne mich entschieden hat. Das nagt am Selbstwertgefühl, das lässt vielleicht alte Wunden empfundener Lieblosigkeit – Stichwort: Kindheit – wieder aufbrechen. Liebeskummer kann ein schweres Paket und eine mühsame Aufgabe sein. Doch hier heilt die Zeit irgendwann die Wunden. Ein neuer Lebensabschnitt mit großem Potential für eine neue, glücklichere Liebe beginnt. Trauer geht in der Regel lange nicht vorbei. Einige sagen, sie ginge nie vorbei. Sie bleibt, auch wenn der akute Schmerz nach Monaten, nach Jahren abklingt. Trauer ist auch mehr als das schmerzhafte Sehnen. Trauer ist der lange Weg, einen Verlust zu begreifen, der so radikal ist, dass einem noch nach Jahren der Atem stockt.

Es hilft weiter: die Existenzphilosophie

So hat Liebeskummer auf den zweiten Blick mit Trauer doch recht wenig zu tun. Das zu verstehen ist aber bereits ein wichtiger Schritt auf die trauernde Person zu.
Um Trauer besser zu verstehen, muss man dem Tod und unserer Sterblichkeit in die Augen schauen. In der Trauer vermissen wir nicht nur eine geliebte Person, wir sind auch unausweichlich mit dem Ende des Lebens, auch unseres Lebens konfrontiert. Das macht einen großen Unterschied gegenüber Liebeskummer.

Mir erscheint, um Trauer zu verstehen, ein Ausflug in die Philosophie sinnvoll. Anders als die Psychologie beschäftigt sich die Existenzphilosophie nicht mit der Heilung schmerzhafter Umstände, sondern stellt das Verstehen des spezifisch Menschlichen in den Mittelpunkt. Trauer ist so gesehen, ein Umstand, in dem wir der Widersprüchlichkeit und Unwirtlichkeit unseres Lebens begegnen. Und diese Begegnung ist nicht pathologisch, sondern eher archaisch oder eben: existenziell.

Karl Jaspers, deutscher Philosoph des 20. Jahrhundert, hat m.E. die Grenzsituation gut beschrieben, in der sich Trauernde befinden. Kaum jemand kommt auf die Idee, Trauernde um ihre existenzielle Erfahrung zu beneiden. Bezogen auf die brüchigen Ränder unseres Lebens ist Trauer aber in der Tat ein kostbarer Einblick in das spezifisch Menschliche. Doch bevor es um die Frage geht, wie Trauer von außen zu fassen ist, eine Skizze, wie Karl Jaspers unsere existenzielle Lebenssituationen beschreibt.

Ein Blick auf unser ganz normales Leben

Nach Jaspers leben wir die meiste Zeit im schützenden Gehäuse der Alltäglichkeit. Weltbilder, moralische Positionen und Glaubenssätze rahmen unseren Alltag: Dazu gehören Überzeugungen, die viele von uns aus dem Elternhaus kennen, z.B. dass gute Bildung eine solide Basis für ein gutes Leben und beruflichen Erfolg sei. Dazu gesellen sich eigene Erfahrungen, die vielleicht auch vom Zeitgeist geprägt sind, so z.B. dass es uns gesundheitlich gut tut, wenig Zucker und Weizenmehl zu essen und stattdessen lieber zu Biogemüse zu greifen. Heute reden wir offen über Therapien und sind überzeugt, dass eine gute Therapie einen Heilungsweg aus Schwermut und Antriebslosigkeit aufzeigen kann. Wir beachten all diese Dinge und noch viel mehr mit dem Ziel, unser Leben in die Hand zu nehmen und es gut zu gestalten. Wer täglich Yoga macht, hat doch ein Anrecht darauf, gelassen und gesund zu sein, oder?

Das klingt jetzt in der Kürze ein wenig plakativ. Aber denken Sie doch mal an Ihre Stützpfeiler im Leben: Was sind Ihre Überzeugungen? Was muss man Ihres Erachtens tun, damit man am Ende auf ein gelungenes Leben zurückblicken kann?
Genau diese Überzeugungen machen das Gehäuse der Alltäglichkeit aus. Sie geben uns Ruhe, zeigen die Richtung des Handelns und definieren den Sinn unseres Lebens. Mit diesen Überzeugungen kann man Pannen vermeiden und ist auf Unvorhergesehenes gut vorbereitet. So unsere Hoffnung. Mit dieser Realitätskonstruktion erfahren wir die Welt als einen zuverlässigen Ort. Das ist normal. Wir würden morgens nicht aus dem Bett kommen, wenn wir diesen Halt nicht hätten.

Unausweichlich: das Schicksal

Die Grundsituation des Lebens ist aber eine andere: widersprüchlich, unberechenbar und gefahrvoll. Uns Menschen eint eine „Zerrissenheit im Sein“: Wir versuchen uns ein Leben in angenehmen oder zumindest ruhigen Bahnen einzurichten, werden aber – so Jaspers – durch Leid, Schuld, Zufälligkeit des Schicksals und Tod mit unserer Ohnmacht und dem grundsätzlichen Scheitern konfrontiert.

Bei aller psychologischen Vorbildung, Absicherung von Haus und Hof, regelmäßigen Klärung der privaten und beruflichen Beziehungen, konfrontiert mit dem Tod verlieren all diese Sicherheitsvorkehrungen ihren Wert. Der Unausweichlichkeit des Schicksals stehen wir letztlich unvorbereitet gegenüber. Schlimmer noch: Wir haben vor ihrem Eintreten keine Ahnung, was es heißt, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird und das Gehäuse der Alltäglichkeit unwiederbringlich zerbricht. Dabei ist dieser Punkt entscheidend: Es ist ein unüberbrückbarer Unterschied, ob man über die Widersprüchlichkeit des Lebens weiß. Oder ob man unausweichlich mit der Widersprüchlichkeit des Lebens konfrontiert wird. Es ist der Unterschied zu wissen, dass die Herdplatte heiß ist. Oder seine Hand auf die heiße Platte zu legen und es zu spüren. Es ist ein Unterschied, zu wissen, dass wir Menschen sterblich sind. Oder den Tod direkt zu erfahren.

Aus der Welt gefallen

Wer einen geliebten Menschen verliert, verliert auch sein Gefühl von Sicherheit und Alltäglichkeit. Er verliert das Vertrauen in ein lenkbares Schicksal. Dabei macht es keinen Unterschied, ob sich der Tod mit einer Krankheit angekündigt hat oder ob er unerwartet eintrat. Wer einen geliebten Menschen beerdigt, verliert nicht nur einen treuen Begleiter, er verliert alle Sicherheiten des tätigen Lebens. Ein existenzieller Tsunami zerschlägt alles. Klingt dramatisch, vielleicht etwas zu dramatisch? Für einen eher rationalen Menschen ist ein solcher Wandel in der Lebenswelt nicht recht vorstellbar. Die Wohnung steht noch, die Nachbarn kochen Suppe, in der Firma läuft alles wie gewohnt weiter, das gibt doch Halt!? Nein, gibt es nicht. Weil der Tod sich nicht aufhalten ließ. Und weil er wieder kommen wird und ihm nichts entgegengestellt werden kann. Angesichts des Todes sind wir einsam und nackt. Um so näher wir der verstorbenen Person standen, um so einsamer stehen wir nun im Leben. Obwohl wir die Nachbarin mit der Suppe wohl erkennen, die Kondolenzwünsche der Kollegen und ihre Sorgen hören. Den Händedruck spüren.

Jetzt wird klar, warum der Vergleich mit dem Liebeskummer nicht trägt.
Jetzt wird auch klar, warum man Trauer nicht nachfühlen kann. Trauer ist eine existenzielle Einsamkeit, die so radikal ist, dass sie sich kaum mit einem anderen Lebensumstand vergleichen lässt. Trauer ist ein komplexer Umstand, in dem Trauernde eine Vielzahl von Gefühlen durchleben. Der Schmerz, an dem das Herz zu zerbrechen droht, ist nur eine Ausprägung. Nicht jeder Trauernde spürt diesen Schmerz so. In der Trauer sind auch denkbar: Abgeschnittensein, Angst, Ausgebranntsein, Energielosigkeit, Fremdheit, Verwirrung, Einsamkeit, Enge, Entmutigung, Erschöpfung, Enttäuschung, Versteinertsein, Resignation, Hoffnungslosigkeit, Leere, Müdigkeit, Nervosität, Schutzlosigkeit, Ratlosigkeit, Scham, Schwere, Unbeweglichkeit, Zerrissenheit, Wut oder Verletzlichkeit. Diese Liste der möglichen Gefühl ist natürlich nicht vollständig. Interessanterweise berichten viele Trauernde, dass sie ein Gefühl eher selten spüren: Traurigkeit. Trauer ist selten traurig.
Ach, Trauer bringt auch positive Gefühle hervor, doch dazu später.

In der Grenzsituation

Zurück zu Jaspers. Er sagt, wenn wir in diese Grenzsituation des Lebens geraten – und Grenzsituationen kann man sich nicht aussuchen – zerbricht das Gehäuse der Alltäglichkeit. Was bedeutet das? Grenzsituationen haben nach Jaspers den Charakter einer Freilegung. Jetzt wird klar, wie man sich bisher in einem Gedankengebäude der Selbstüberzeugungen eingerichtet hat, das dem Sturm der Realität einer sterblichen Existenz nicht standhält und zusammenbricht wie ein Kartenhaus.

Man scheitert. Nichts, was den Alltag ausmachte und absicherte, hilft die Realität des Todes auszuhalten und zu begreifen. Das eigene Leben steht in Frage. Ist man in der Lage, diese Situation anzunehmen? Oder wählt man das Ausweichen? Rationalisiert die Situation oder verdrängt sie?

Verdrängt und zugenäht

Da ist Jaspers ganz klar: Nicht jeder hält eine Grenzsituation aus. Man kann Grenzsituationen verdrängen, so tun, als wäre der Alltag noch intakt. Es gibt Menschen, die trauern nur mal eben kurz. Psychologen würde sagen: Das rächt sich. Trauer zu verdrängen führt langfristig zu einer Einschränkung der Lebensenergie. Von außen ist das Verdrängen vergleichsweise gut zu erkennen: Wenn die Schwere des Schicksalsschlags und die Reaktion der Betroffenen nicht zusammenpassen wollen und sich die verwaiste oder verwitwete Person in ein Schutzmantel der Normalität hüllt, spürt man in der Regel recht schnell, das etwas nicht stimmt. Sie klammert sich an einen Alltag, den es so nicht mehr gibt. Bezieht auch die zweite Seite des Ehebetts frisch.

Aber wer will der trauenden Person das verdenken? Verdrängen ist doch keine Wahl aus der Lust heraus. Wer verdrängt, hat Angst zu zerbrechen. Verdrängen ist Schutz. Allerdings mit einem hohen Preis. Diese Leblosigkeit der Verdrängung kennen wir alle – zumindest aus Erzählungen: Es war die Kälte und Herzlosigkeit in den deutschen Wohnzimmern der 50er und 60er Jahre. Die regeltreuen Spießer waren oft Menschen, die im Krieg von Tod und Trauer überwältigt wurden und die Trauer dann verdrängten. Aber was wäre der bessere, der gesündere Weg?

Erst: Lähmung

Die Annahme der Grenzsituation. Das kann zur Lähmung führen, sagt Jaspers. Im Alltag heißt das, die trauernde Person wirkt wie abgeschaltet, reagiert mühsam auf Anforderungen. Wirkt wenig lebendig. Wie lange das geht? Tage? Wochen? Diese Lähmung kann lange dauern. Jahre. Diese Lähmung ist das, was wir umgangssprachlich etwas undifferenziert „Trauer“ nennen. Sie fühlt sich für die trauernde Person an wie ein Abgeschnittensein von der Welt. Nichts gilt mehr. Wie unter einer Glasglocke sieht man in der Ferne das Leben, das nicht mehr das eigene ist.

Und dann: Freiheit

Im nächsten Schritt folgt nach Jaspers der Sprung in die eigene Existenz. Eine Entscheidung in höchster Form personaler Freiheit, Übernahme der Selbstverantwortung, das Ende des Opferzustandes. Grenzsituationen haben den Charakter einer Freilegung. Jetzt wird klar, was das Gehäuse des Alltags ausgemacht hat und wie beschränkend diese Sicht auf das Leben war. Nichts von dem, was wir taten, konnte den Lauf des Schicksals aufhalten. Nicht geraucht, kein Grillfleisch gegessen und trotzdem ist der geliebte Mensch an Krebs gestorben. Das ADAC-Fahrtraining ist kein Schutz vor einem tödlichen Verkehrsunfall. Wir erfahren Grenzsituationen als Scheitern. Als ein Freilegen der unwirtlichen Situation, die unser Leben ausmacht. In dieser Situation erfährt der Mensch Sinnlosigkeit und Einsamkeit.

Er verliert jede Sicherheit. Klingt düster, trotzdem spricht Jaspers von der Existenzerhellung, die jetzt möglich ist. Die Lähmung zu Beginn der Grenzsituation löst sich. Sich tief im Abgrund fühlend sickert langsam eine neue Erkenntnis durch: Wenn mich nichts aus meinem alten Leben vor diesem Abgrund schützen konnte, warum sollen die ganzen Regeln und Vorkehrungen dann noch für mich gelten? In tiefer Dunkelheit entsteht plötzlich, zunächst unmerklich, ein Gefühl von Freiheit. „Telefon, Gas, Elektrik, unbezahlt, und das geht auch.“ singt Grönemeyer in „Mensch“. Ein treffendes Lied, das genau diesen Zustand der wachsenden Freiheit nach der Finsternis beschreibt. Die Schwere, das Fremdsein in der Welt, das Sehen, die Einsamkeit, all das ist noch da und vermischt sich jetzt mit dem Erleben der Leichtigkeit. Die alten Regeln gelten nicht mehr, meine Freunde verstehen mich nicht mehr, meine Zukunft interessiert mich noch lange nicht. Ich bin frei. Man spürt das Leben so pur, dass man plötzlich in all dieser schweren Trauer merkt: Es ist ein Geschenk. Die Sinne sind jetzt sehr fein. Ein Vogelgezwitscher kann einen tief im Herz beglücken, ein Sonnenstrahl, der Duft einer guten Tasse Kaffee.

Ist jetzt gut?

Man sieht die Trauernde wieder stahlen und denkt, die dunkle Phase sei nun vorbei. Ist sie nicht. Es gibt in der Trauer keine Phasen, es gibt nur Phänomene. Gefühle von Dankbarkeit, Leichtigkeit, Klarheit, Ruhe, Gelöstheit, Sicherheit, Berührtsein, Geborgenheit, Verzauberung, Zuneigung, Ausgelassenheit, Lebendigkeit, Aufmerksamkeit und viele andere positive Gefühle können auch zur Trauer gehören. In enger Folge mit den schweren Gefühlen. Im Wechsel kaum zu steuern. So ist Trauer nie ein Gefühl, sondern immer ein Gemengelage von so vielen Gefühlen, dass es die Betroffenen und die Umwelt ziemlich schütteln kann. Die freien Sinne und das Gefühl von Freiheit geben nun Energie zum Handeln. Nach meiner Beobachtung heißt für Trauende Handeln oft: Kündigen. Erst unmerklich: Das Zeitungsabo und Pay-TV, weil Nachrichten und Bundesligaspiele jetzt öde wirken. Dann deutlicher: Bekanntschaften, die schon vor der Trauer eher Pflicht als Freude waren. Und dann radikal: Die Wohnung in Kiel, weil das Wetter hier zu kalt ist. Den Job, weil die Arbeit so öde ist, das Betriebsklima so stockig. Geleitet von der Frage, was in diesem Leben noch Sinn macht, wenn es ohnehin keine Sicherheit gibt, stellen eine beträchtliche Anzahl von Trauernden ihr Leben komplett um. Ohne Plan, ohne Geleit singt Grönemeyer. Das Unverständnis der Umwelt ist vielen jetzt gewiss.

Die Sinnfrage als Brücke

Aus vielen Erzählungen weiß ich aber auch, dass es eine Personengruppe gibt, die offensichtlich ein gutes Händchen hat, mit Trauernden zu jeder Zeit offen und authentisch umzugehen. Sie kämpfen gerade selbst mit der existenzielle Einsamkeit und der Frage nach dem Sinn im Leben: Pubertierende. Nicht selten ebenfalls im schwarzen Rollkragenpullover versteckt.

Wenn es Ihnen jetzt gelingt, sich mit Ihren Gefühlen während der Pubertät zu verbinden, dann sind Sie auf einem sehr guten Weg, Trauernden mit tiefempfundenem Verständnis zu begegnen. Wann haben Sie sich die Sinnfrage das letzte Mal gestellt? Erinnern Sie sich noch? Sonst: Grönemeyer hören. Das könnte helfen.

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