Das ungläubige Staunen – wie ich die Trauer kennenlernte

Der Mann, der mein Alter Ego war, starb ein Jahr nach unserem ersten Kuss.
Dass wir Menschen sterblich sind, habe ich bis dato wohl gehört. Aber nicht gewusst.

Christian war nicht nur sterblich. Er ist auch gestorben. Das war Wochen vorher klar. Es war auch klar, dass ich trauern würde. Da wusste ich noch nicht, was das ist, Trauer.
Um einem Irrtum gleich zu begegnen: Trauer hat nichts mit Liebeskummer zutun. Sie trifft den Lebensnerv sehr viel direkter.

Krisenerfahrung hilft nicht recht bei Trauer

Nach 20 Berufsjahren als Businesscoach war ich zum ersten Mal komplett ahnungslos. Es ist ja eigentlich mein Job, Umbrüche psychologisch zu begleiten. Ich dachte, ich sei krisenerfahren und -kompetent. Ich hielt mich für unkaputtbar. Was für eine Irrtum!

Warum hat mich eigentlich niemand beiseite genommen und mir gesagt, dass ich für die Zeit der Trauer eine Tiefkühltruhe voller guter Suppen bräuchte? Warme, weiche Nahrung zum Löffeln – mehr ging an den dunklen Tagen nicht.
Warum hat mir niemand gesagt, dass Daueraufträge das einzige probate Mittel gegen die empfundene Bedeutungslosigkeit für die Kombination aus dem Wort „Zahlungsziel“ und einem Datum sein werden? Mir fehlte in der Trauer jedes Bewusstsein für Dinglinglichkeit und der Wille und die Konzentration das Onlinebanking zu öffnen. Damals hat nicht viel gefehlt und ich hätte dem örtlichen Gerichtsvollzieher meine Geschichte erzählen können.
Und hätte mir nicht jemand sagen können, dass der Schmerz unermesslich, doch Trauer nicht das Problem, sondern die Lösung sein wird?

Kann man Trauer vorbereiten?

In der Psychologie heißt es, Trauer könne man nicht vorbereiten. Vielleicht kann man Trauer nicht trainieren, dem würde ich zustimmen. Dieser Marathon beginnt und man denkt schon nach zwei Tagen: das halte ich nicht länger durch. Bei mir ging es dann noch gut ein Jahr.

Doch, heute bin ich überzeugt, Trauer kann man vorbereiten. Sie ist keine Krankheit, obwohl sie schmerzhaft ist. Es müsste nur jemand die Erfahrung, den Mut und die Weitsicht besitzen, über Trauer zu sprechen, bevor sie beginnt.

Mein Weg war kein Spaziergang. Ich habe geschrien vor Schmerzen. Doch ich habe diese Zeit auch als pur und unabdingbar erlebt. Das mochte ich. Es war eine Ausnahmezeit, in der ich keine Fehler machte. Was daran lag, dass die Kategorien „falsch“ und „richtig“ aus meinem alten Leben nicht mehr galten. Ich hatte auch gar keine Kapazität über mein Handeln und seine Alternativen nachzudenken. Ich habe an ihn gedacht. Immer. Fast immer. Nee, doch: immer.

Allein im Fahrstuhl

In der Trauer angekommen, begegnete ich vielen Menschen, die lieber die Treppe nahmen, statt mit mir Fahrstuhl zu fahren. Ich wunderte mich, wie schnell man übersehen wird, wenn etwas nicht stimmt. Langjährige Geschäftspartner und Freunde wären lieber im Boden versunken, als mir in meiner Tauer zu begegnen.
Wie heißt es im Volksmund: Ein Unglück kommt selten allein. Ich hatte also nicht nur die Trauer, ich fühlte mich auch unverstanden und isoliert.

Heute weiß ich: Sie haben es nicht so gemeint. Mein Gegenüber war von meiner Trauer schlicht überfordert. Trauer, existenzielle Nöte, haben im Beruf kaum Platz. Lange war Trauer gerade bei uns Deutschen ein Tabu. Dieses Tabu löst sich langsam, doch es hat ein Verhaltensvakuum zurück gelassen.

Trauer hat starke Seiten

Dann eine Überraschung in dunklen Stunden: Die Rückmeldungen der Kunden über meine Coachings und Beratungen waren so gut wie selten zuvor. Ich weinte auf der Hinfahrt. Ich schlief auf der Rückfahrt. Doch im Moment der Anforderung war ich so wach, so konzentriert, so humorvoll und so angeschaltet wie nie zuvor. Es war, als würde mir, wie ein Schutzengel, ein liebevolles, hellsichtiges Selbst zur Seite stehen. Es klingt vielleicht befremdlich, doch ich habe Trauer auch als Jobbooster erlebt. Ein Phänomen, über das noch niemand öffentlich nachgedacht hat, oder?

Kaum war ich dem Schmerz einigermaßen entrungen, fing ich an zu recherchieren: Bin ich die einzige Trauernde, die so viele abwegige Reaktionen erlebt hat? War das Zufall? War es nicht.

Auch das sind Trauernde: Berufswechsler 

Ich bin vielen Trauernden begegnet, die in den belastetsten Wochen im Job geschnitten wurden und schmerzhaft mit der Unfähigkeit des Gegenübers konfrontiert wurden. Einige von ihnen haben gekündigt, nachdem sie die schlimmste Phase durchlebt haben. Das Leben ist zu kurz, um an einem Ort zu arbeiten, an dem man sich nicht gut aufgehoben fühlt. Pech für die Unternehmen. Aber muss das sein? Ich denke nein.

Auch ich ging nicht zurück in meinen alten Beruf.
Ich besetze als Coach und Organisationsberaterin nun diese Schnittstelle zwischen denen, die das Thema Abschied, Tod und Trauer unangenehm finden und denen, die in dieser Grenzsituation leben und arbeiten. Ich erarbeite für beide Seiten Möglichkeiten, der neuen Situation angemessen und unverkrampft zu begegnen. Und ich unterstütze meine neuen Kunden, die Klarheit, die Unerschütterlichkeit und die Achtsamkeit, die aus einer existenziellen Krise entstehen können, als Geschenk nach einer harten Zeit schätzen und genießen zu können.

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